Dienstag 22 August 2017

Ausnutzen von gecapten Hand-Ranges (Bild: pexels)

Mit Informationen wie den Setzmustern des Gegners, den Board-Karten etc. versucht man dem Gegner für die aktuelle Situation eine Range an Händen zuzuweisen. Man setzt den Gegner bewußt nicht auf eine bestimmte Hand sondern auf eine oder 2 Kategorien von Händen... zB. Monster mit denen er einen großen Pot spielen möchte oder mittelstarke Hände, mit denen er günstig zum Showdown kommen möchte und Draws oder andere schwache Hände mit denen er selten ohne einen Bluff gewinnt...

Am Turn oder River ist man in einer Hand oft soweit sehr sicher sagen zu können, dass der Gegner in der spezifischen Situation selten oder nie eine Monsterhand bzw. die Nuts hat. Mit dieser Feststellung können wir die Stärke der gegnerischen Hand also nach oben hin begrenzen. Man nennt das auch eine "gecapte Range". Wann immer man es schafft eine solche Grenze zu ziehen, kann man seine guten Hände erfolgreicher value-betten und bessere Hände repräsentieren, wenn ein Bluff nötig ist.


Oft gibt es zwei Wege, wie ein Bluff schief gehen kann. Entweder hat dein Gegner tatsächlich eine sehr starke Hand, vielleicht sogar genau die, die du selbst mit deinem Bluff vorgibst zu halten... oder er setzt dich auf einen Bluff und callt mit einer schwachen Hand runter bzw. reblufft dich aus diesem Grund. Wenn du in der Lage bist, seine Range nach oben hin zu begrenzen bringst du ihn in die unkomfortable Situation nie eine stärkere Hand zu halten, als diejenige die du repräsentierst. Das Beste was er tun kann ist abzuschätzen wie oft du bluffst und dich entsprechend runter zu callen.

Ein einfaches Beispiel

Starten wir mit einem sehr einfachen Beispiel um das Thema zu verdeutlichen. Angenommen du spielst $5/$10 Fullring. Der Spieler UTG eröffnet mit einem Raise auf $40. Er spielt sehr tight und vorhersagbar und du weißt, er würde von dieser Position nur mit einem großen Paar setzen, vielleicht Zehner oder besser oder ein starkes As. Weil du so einen präzisen Read hast und die Stacks mit $2.000 sehr deep sind callst du am Button mit suited JT. Der Rest des Tisches foldet.

Der Flop kommt 982 rainbow und gibt dir einen open-ended straightdraw. Dein Gegner setzt $70 und du callst. Der Turn ist eine 6 und dein Gegner setzt $150. An diesem Punkt kannst du basierend auf seiner sehr tighten Preflop-Raising-Range eine klare Obergrenze für seine Range feststellen. Er kann keine stärkere Hand halten als ein Paar, wenngleich auch ein starkes Paar. Du selbst kannst durchaus ein Set, 2-Pair oder sogar eine Straße halten. Du raist also auf $500 und dein Gegner callt.

Der River ist eine 4. Dein Gegner checkt und du gehst allin für etwas mehr als den aktuellen Pot. Dein Gegner jammert, spielt mit seinen Chips, beschwert sich über deine Müll-Hände und foldet.

Ein etwas komplexeres Beispiel

In einem 6-handed $5/$10-Spiel eröffnet der Spieler am Button mit einem Raise auf $35. Die anderen Spieler folden zu dir im BigBlind und du callst mit T9 in Pik. Die Stacks sind etwa $1.000. Der Flop kommt 7c 5c 4d und verpasst dich komplett. Du checkst, bereit zu folden, aber dein Gegner checkt auch.

Was kannst du bis jetzt über diese Hand sagen? Viele Spieler eröffnen eine breite Range von später Position, also hast du preflop wenig Information. Aufgefallen war lediglich, dass er den Flop hinterher-gecheckt hat.

Es ist kein Flop bei dem man häufig mit Slowplay rechnet. Wenn dein Gegner 2pair oder ein Set flopt hat er genug Grund zu setzen, ganz einfach weil am Turn gefährliche Karten kommen können. Aus seiner Perspektive könnten solche Karten deine Hand zur stärkeren Hand verbessern. Wenn solche Karten deine Hand nicht verbessern, könnten sie dich vielleicht verschrecken und davon abhalten, ihn mit einer zweitbesten Hand auszubezahlen.

Durch das recht koordinierte Board gibt es viele Möglichkeiten, dass du die zweit-beste Hand geflopt hast. Etliche Hände von einem schlechten 2pair über ein einzelnes Paar, einen StraightDraw bis hin zu OverCards oder einem FlushDraw wären bereit auf diesem Flop etwas in den Pot einzuzahlen. Wenn dein Gegner eine starke Hand flopt hat er viel Anreiz zu setzen. Weil er aber checkt, kannst du recht sicher sein, dass er kein 2pair oder besser hat.

Was könnte er haben? Alles von totaler Luft ( selbst die würde dich meist schlagen ) über As hoch mit etwas Showdown-Value bis hin zu einem starken Paar, das ein Check-Raise nicht fürchten würde. Immerhin wird er sehr selten eine Hand stärker als ein Paar haben, womöglich mit einem Draw.

Der Turn bringt das Pik-As. Du könntest jetzt bluffen, aber selbst wenn du das am River weiter führst wird es sehr viel Druck auf den Gegner ausüben. So würdest du nichts von seinen möglichen weiteren Bluff-Versuchen gewinnen. Und viele Spieler würden mit einem Paar weiter runter callen, nachdem sie den Flop gecheckt haben. Weil dein Gegner auf dem Flop eine Art Pot-Control fährt wird es schwierig ihn konventionell zu bluffen.

Wenn du checkst wird dein Gegner oft setzen. Wenn er nichts hat, bietet sich das As am Turn für ihn an es zu repräsentieren. Wenn er das As getroffen hat wird er wahrscheinlich aus dem gleichen Grund setzen, aus welchem eine starke Hand am Flop setzen würde. Selbst mit einem schwächeren Paar wird er sich in dieser Hand recht sicher fühlen und keine weitere Freikarte geben wollen, weil du ja schon 2 Mal gecheckt hast. Wenn er nicht gerade A4, A5 oder A7 hält ist eine stärkere Hand als ein Paar sehr unwahrscheinlich.

Du checkst und dein Gegner setzt $60 in einen $75-Pot. Du kannst jetzt ein großes Raise machen um eine starke Hand zu repräsentieren, die ein Check-Raise am Flop ausgelassen hat und das jetzt an diesem Turn machen möchte.

Du machst ein Pot-Size Raise auf $255. Dieses Raise wird den Pot oft sofort gewinnen, aber angenommen dein Gegner macht einen sturen Call. Jetzt ist es noch wahrscheinlicher als zuvor, dass er keine starke Hand hat. Angesichts des koordinierten Boards und der Tatsache, dass dir deine Karten zu gefallen scheinen, würde er mit einer starken Hand sicher versuchen den Rest des Geldes am Turn in den Pot zu kriegen.

Also kannst du auf vielen wenn nicht allen River-Karten einen großen Bluff auspacken. Der Call deines Gegners am Flop repräsentiert entweder ein skeptisches Paar oder ein Paar mit einem Draw. Ein weiterer großer Einsatz auf alle Blanks am River sollte für guten Profit sorgen.

Manchmal endest du gegen ein gerivertes Monster aber du hast auch mehr Fold-Equity gegen Paare, die annehmen, dass du selbst den Draw getroffen hast.

In diesem Fall callt dein Gegner das Turn-Raise und der River bringt den Pik-König. Du setzt $450 in den $585-Pot und er foldet. Mit eine direkten Bet am Turn hättest du wahrscheinlich einen kleinen Pot gewonnen. Durch das Check-Raise am Turn und den River-Bluff hast du einen viel größeren Pot gewonnen. Wesentlich ist, dass du deinen Gegner dazu gebracht hast Geld in den Pot einzuzahlen, während du dir sicher warst, dass er diesen Pot nicht wird verteidigen können.

Deine Fold-Equity ist hier so hoch, dass du auch mit etwas Showdown-Value also zB. mit 4 3 genauso spielen solltest. Dein Paar könnte ausreichen, wird es aber oft nicht und am River wirst du wahrscheinlich sowieso ausgespielt. Ein schwaches Paar in einen Bluff zu verwandeln ist häufig profitabler als damit zu versuchen gegnerische Bluffs zu erwischen.

Wie verteidigt man sich gegen solches Spiel?

Wenn du einen Gegner hast, der Hände derart gut liest und dazu noch die Eier hat für solche Moves, dann tust du gut daran einen anderen Tisch zu suchen. Wenn du dich trotzdem entscheidest zu bleiben, solltest du dich zu wehren wissen.

Die beste Strategie ist es schlicht solche Situationen zu vermeiden. Wenn man Gegner hat, die einen gut lesen können, dann muss man die Stärke seiner Hand besser verstecken. Das erfordert unkonventionelle Moves wie ein UTG-Raise mit 98s an einem Fullring-Tisch oder Hinterherchecken mit einem Set auf einem koordinierten Flop. Das sind ohne Frage riskante Moves, aber immer noch besser als dem guten Spieler die Möglichkeit zu geben, starke Hände aus deiner Range zu elimieren.

Schlusswort

Pokern ist ein Informations-Krieg. Wann immer du mehr Informationen über die Hand deines Gegners hast, als er über die Deine... ist das eine Gelegenheit Geld zu gewinnen. Die Frage ist nur, wie gut man die Informationen ausnutzt. Selbst Spieler die gut Hände lesen können, holen nicht immer alles raus aus den Informationen.

Lerne es zu erkennen, wenn du die Hand deines Gegners nach oben cappen kannst und wie du diese Information ausnutzen kannst. Das eröffnet dir hoffentlich einige sehr profitable Situationen. Andersrum macht es auch klar, wie wichtig es ist nicht zu vorhersehbar zu spielen.

So, ich hoffe heute war wieder ein bisschen was für euch dabei. Ich freu mich wenn ihr den Beitrag mit euren Freunden teilt. Viel Glück an den Tischen!

Gruß Christian

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