Donnerstag 23 November 2017

Wie weit denkt unser Gegner?

Wie erkennt man Level-3 Denken?

Wie erkennt man einen Level-3-Denker? (Bild: Pexels)

Gegen einen Level-1 Denker wird man meist anders reagieren als gegen einen Level-2 oder 3 Denker. In fast allen Artikeln zur Poker-Strategie fehlt aber ein Hinweis darauf, welchen Denk-Level man beim Gegner vermutet. Oft hat sich der Autor selbst gar nicht die Frage gestellt auf welchem Level sein Gegner wohl denkt. Wenn man Ratschläge für's Pokern geben möchte, macht es aber einen großen Unterschied ob man nach der geeigneten Aktion gegen einen Spieler sucht, der auf dem 1. Level denkt oder vielleicht auf dem 2. oder 3. Level. Dieser Beitrag ist ein Versuch Euch zu vermitteln, wie man herausfindet auf welchem Level unsere Gegner denken. Also los...

Der Level-1 Denker: Ahnungslose Calls und unsinnige Value-Bets

Auf dem River gute Entscheidungen zu treffen erfordert es, sich über die gegnerische Range Gedanken zu machen und darüber wie die eigene Hand wohl auf den Gegner wirkt. Ein Level-1 Denker, der auf diese Dinge nicht achtet, verrät seinen Denk-Prozess und macht oft schlechte Moves auf dem River.

( Für alle Beispiele in diesem Artikel nehme ich ein Limit von 50ct/$1 mit effektiven Stacks von $100. )

Beispiel 1

Spieler A erhöht von UTG auf $3 und Spieler B callt am Button.

Der Flop kommt kreuzKkaroJkreuz8. Spieler A setzt $6 und Spieler B callt.

Der Turn bringt die karoQ. Spieler A setzt $12 und Spieler B callt.

Der River bringt die kreuz9. Spieler A checkt, Spieler B setzt $25 und Spieler A callt mit Ah As.

In diesem Beispiel scheint es, als würde Spieler A nichts Anderes mehr sehen, als seine Pocket-Asse. Jeder Draw der am Flop möglich war, wäre am River angekommen. Spieler A verliert außerdem auch gegen KQ, KJ, QJ, KK, QQ, JJ, TT, JT, KT, QT, T9, T8, 98 und 88. Spieler A liegt also gegen der Großteil der Range von Spieler B hinten. Die Asse sind hier nur noch ein Bluff-Catcher und es wäre schwierig Spieler B auf eine Hand zu setzen, die am River bluffen würde. Ein Call wie dieser genügt mir um solch einem Spieler das Label Level-1 Denker zu verpassen.

Wenn wir das Beispiel etwas ändern, so dass Spieler A am River Position hat, Spieler B zu ihm hin checkt und Spieler A dann $10 in einen 43$-Pot setzt... würde ich ihm ebenfalls das Label eines Level-1 Denkers verpassen. Wieder scheint er sich nicht im Geringsten gefragt zu haben, welche Range Spieler B haben könnte oder mit welchen Händen Spieler B denn diese Bet bezahlen würde. Es scheint als wäre der einzige Gedankengang bei Spieler A "Ich habe Asse, also setze ich". Wenn Spieler A keine Position hätte, könnte man die $10-Bet noch als Blocking-Bet interpretieren, aber wenn er die Möglichkeit hat die Hand einfach runter zu checken und trotzdem eine "Value-Bet" macht, dann ist das schlicht Denken auf dem ersten Level.

Level-2 Denker: Hoffnungslose Bluffs und fragwürdige Slowplays

Dem Level-2 Denker ist das Lesen der gegnerischen Hände bekannt und er versucht es zu seinem Vorteil zu nutzen. Er überlegt, was Gegner halten könnte, hält aber nicht für möglich, dass sein Gegner das Gleiche tut. Das funktioniert gut gegen Level-1 Denker, die nicht versuchen Ihren Gegner auf irgend eine Range an Händen zu setzen aber es führt auch zu Verlusten gegen Spieler, die auf einem höheren Level denken. Nach solchen Spielern solltest Du Ausschau halten.

Beispiel 2

Spieler A erhöht von UTG auf $3, Spieler B reraist vom Button auf $12 und Spieler A callt.

Der Flop kommt kreuz5pik4karo7und beide Spieler checken.

Der Turn bringt die pik9. Spieler A setzt $20 und Spieler B callt.

Der River bringt die karo3. Spieler A geht all in mit $68 in einen $65-Pot.

Spieler A zeigt AK und verliert gegen das Paar Damen von Spieler B.

Die wahrscheinlichste Erklärung für diese Hand ist, als Spieler B am Turn callt, realisiert Spieler A, dass sein AK wahrscheinlich nicht mehr gut ist und dass Spieler B wahrscheinlich ein hohes Paar hält. Als am River der mögliche Straight-Draw ankommt, versucht er diese Straße mit seinem All-In-Move zu repräsentieren. Spieler B realisiert, dass Spieler A nur selten wenn überhaupt eine 6 in seiner Range hat um preflop ein großes Reraise zu bezahlen und kann den Bluff korrekt erkennen.

Spieler A denkt hier auf Level 2. Er hat einen guten Read auf die Hand von Spieler B, macht sich aber keinerlei Gedanken darüber, wie seine eigene Hand aussieht. Wenn Spieler B ein Level-2 Denker ist, wird er die große River-Bet entweder als die angekommene Straße oder als einen Bluff interpretieren und weil es nur wenige 6er in der Range von Spieler A gibt, wird er nichts folden, was AK schlägt.

Beispiel 3

Spieler A erhöht von UTG auf $3, Spieler B callt vom Button und Spieler C callt im Small Blind.

Der Flop kommt kreuz10karo10kreuz6. Spieler C checkt, Spieler A setzt $5 und Spieler B erhöht auf $15. Spieler C cold-callt das Raise aus dem SB und Spieler A foldet.

Der Turn bringt die herz2und beide Spieler checken.

Der River bringt die karo8, Spieler C setzt $25 und Spieler B callt.

Spieler C zeigt AT für Trips aber verliert gegen B's kreuz9herz7 die, eine Straße gerivert haben.

Spieler C hatte offensichtlich Pech, diesen Pot gegen einen geriverten Gutshot zu verlieren. Jedenfalls hat sein Level-2-Denken alle Voraussetzungen dafür geschaffen indem er Spieler B Turn und River hat kostenlos sehen lassen. Spieler C hat korrekt erkannt, dass B's Raise entweder für eine sehr starke Hand (möglich, aber unwahrscheinlich stärker als seine eigene) oder einen Bluff steht. Es erschien ihm logisch, dass er diese Hand langsam spielen kann und dass Spieler B weiter bluffen oder schlechtere Hände value-betten würde. Das Problem war C's extrem verdächtiger Cold-Call am Flop, der ihn mit seinem Draw auf die Bremse treten ließ.

Wichtiger noch, das Reraise läßt Spieler B bezahlen für die Information, die er bekommt. Der Cold-Call wäre ok, wenn man erwarten könnte, dass Spieler B seinen Bluff fortführt. Aber hier zeigt es soviel Stärke, dass Spieler B lieber ruhig bleibt und auf ein Wunder auf Turn oder River hofft. Weil der draw meistens nicht ankommen wird, kann Spieler C nicht mehr darauf zählen weiteres Geld von Spieler B zu bekommen. Nur wenn Spieler B noch seine Zauber-Karte trifft wird er hier weiteres Geld in den Pot kriegen, wenn Spieler C keine Winning Hand mehr hätte.

Der Cold-Call gibt Spieler B die Möglichkeit die mit einigen starken Händen die Bremse zu ziehen. Selbst wenn Spieler C es schafft im Showdown zu gewinnen gegen eine Hand wie T9 oder TJ, wird er wahrscheinlich langfristig Value verlieren gegen Hände, die eigentlich am Flop reinstellen aber wegen seinem verdächtigem Cold-Call in den Pot-Control-Modus wechseln.

Level 3 Denker: Dünne Value-Bets und disziplinierte Checks

Level 1 und 2 Denker haben wir größtenteils anhand ihrer Fehler identifiziert. Level 3 Denker sind weiter fortgeschrittenere Spieler die man am ehesten daran erkennt, dass sie gute Spielzüge machen, die man eben nicht von einem Spieler erwarten würde, der auf einem niedrigeren Level denkt. Weil sie um ihr Image und die Informationen, die sie bislang durch ihre Hände Preis gegeben haben, wissen... erkennen sie, wann ihre marginalen Hände gut genug für eine Value-Bet sind und wann sie schwach genug sind um sie in einen Bluff zu verwandeln.

Angenommen in Beispiel 2 hätte Spieler A nicht mit AK verloren, sondern mit einem Paar Könige den gegnerischen Stack gewonnen. Ein weniger raffinierter Spieler könnte Angst haben selbst ein Overpair zu value-betten, zumindest für den gesamten Pot. Immerhin liegt da schon eine 4-Karten-Straße, nicht zu vergessen die ganzen möglichen Set und 2-Paar Kombinationen. Ein Level-3 Denker könnte realisieren, dass Spieler B wenige wenn überhaupt welche dieser Hände in seiner Preflop-Range erwartet.

So kann er mir einem guten Paar eine große Bet für Value machen, in der Erwartung, dass sein Level-2 Gegner die Bet entweder als Straight oder Bluff mißinterpretiert und sich selbst einen call einredet.

Beispiel 4

Spieler A erhöht vom Highjack auf $3, Spieler B callt am Button und die Blinds folden.

Der Flop kommt kreuzJkreuz8karo5, Spieler A setzt $5 und Spieler B callt.

Der Turn bringt die karoQ. Spieler A setzt $11 und Spieler B callt.

Der River bringt die kreuz7.

Spieler A checkt, Spieler B checkt behind und zeigt karo8karo7 für geriverte 2 Paar und schlägt damit A's AJ.

Auf den ersten Blick mag es ziemlich wek und tight wirken, dass Spieler B seine 2 Paare nicht value-bettet, wenn Spieler A am River zu ihm hin checkt. Wenn Spieler A gut Hände lesen kann und ein Level-2 Denker ist, dann gibt es Grund anzunehmen, dass er in diesem Spot fast nie check-callen würde. Denn jeder Draw der am Flop möglich war, ist am River angekommen, also ist es unwahrscheinlich, dass Spieler B bis zum River kommt mit vielen Händen, die einen Bluff nötig hätten. Also würde es hier nichts bringen zu checken um einen Bluff zu induzieren.

Der schwächste Teil von B's Range besteht aus einem Paar oder schwachen 2 Paar Händen, die sicher lieber eine bet am River callen, als selbst zu setzen.

Also muss Spieler A entscheiden, ob seine marginalen Hände gut genug sind wenn es am River eine oder mehrere Bets gibt. Falls ja, sollte er selbst setzen. Falls nicht, sollte er sie entweder check-folden oder gelegentlich in einen Bluff verwandeln, indem er bettet oder check-raist.

Um seine Check-Fold-Range zu schützen sollte Spieler A manchmal auch sehr starke Hände checken, mit der Absicht zu check-raisen. So kann Spieler B selbst mit 2-Paar nicht erwarten, dass eine Bet von vielen schlechteren Händen gecallt wird und er muss check-raises und check-raise-Bluffs fürchten. Jede Hand, die seine Bet callt würde einen crying call machen, in der Hoffnung einen Bluff oder sehr dünne Value-Bets zu schlagen. Wenn Spieler B ein Level-3 Denker ist, wird er realisieren, dass nur sehr wenige solcher Hände in seiner Range sind.

Mit anderen Worten sind 2 Paar 8er und 7er eine starke Hand relativ zu Spieler A's Range aber eigentlich eine ziemliche schwache für Spieler B's Range, die eine Menge Straights und Sets beinhaltet. Ein Check an dieser Stelle kommt von einem Spieler, der sich bewußt ist, wie die eigene Range von einem Hand lesenden Gegner wahr genommen wird.

Denken auf höherem Level: Denk-Spiele + Spiel-Theorie

Wenn wirklich erstklassige Spieler aufeinander treffen, können verrückte Dinge passieren. Ein Zuschauer wird beide Spieler Dinge tun sehen, die ihm schwachsinnig und vielleicht sogar schlecht erscheinen. Gewöhnlich wird ein Zuschauer sich keinen wirklichen Reim auf die Spielzüge machen können, ohne genaueres Wissen über die bisherige Geschichte zwischen den beiden Spielern. Das kombiniert mit der Tatsache, dass so wenige Spieler konstant auf solch hohem Level operieren, macht es gewöhnlich zu einer gewissen Zeitverschwendung, heraus zu finden, wie man solche Spieler identifiziert oder sich gar gegen sie wehren sollte.

Nur zum Spaß also, schauen wir uns mal eine mögliche Situation an.

Angenommen in Beispiel 4 bettet Spieler B am River. Spieler A schüttelt gönnerhaft seinen Kopf und erklärt seinem Gegner: "Du bist solch ein Level-3 Denker. All deine Hände haben am River mindestens ein Paar gemacht, also brauchst du nicht zu bluffen und Du weißt, dass ich das weiß, also wirst du nie weniger als eine Straße value-betten. Aber ich weiß, Du weißt das." sagt er selbstgefällig und foldet offen ein Set 5er. DAS ist Level-4 Denken.

Mit einem schlauen Lachen zeigt Spieler-B seine Hand 87 und streicht den Pot ein. "Ich weiß, dass Du weißt, dass ich es weiß. Deshalb kann ich damit bluffen." DAS ist Level-5 Denken.

Irgendwann enden all diese Denkspiele und Level-Kriege in einer endlosen Kette von "Ich weiß, dass er weiß, dass ich weiß, dass er weiß...". Es reicht um sich zu wundern, wie sich ein großartiger Spieler jemals sicher sein kann, dass die Denk-Vorgänge und Begründungen hinter seinen Spielzügen, seinem Gegner nicht so klar sind, wie ihm selbst. Dann würde sein Gegner nie an den Haken gehn oder einen Bluff versuchen.

Hier geht's dann zur Spiel-Theorie. Wenn du weißt, dass dein Gegner auf einem bestimmten Level und nicht höher denkt, dann kannst Du das ausnutzen. Du kannst alle seine Annahmen berücksichtigen und dann eine Ecke weiter denken. Wenn er von Dir eine Value-Bet erwartet, dann bluffst Du... wenn er einen Bluff erwartet, machst Du eine Value-Bet.

Das ist alles schön und gut solange du weißt, dass du weiter denkst, als dein Gegner. Das Problem dabei ist, dass alles was Du tust um Deinen Gegner auszutricksen, immer auch Lücken in Deinem eigenen Spiel mit sich bringt, falls sich heraus stellt, dass dein Gegner eben doch etwas weiter denkt. Wenn er von Dir erwartet, dass Du von ihm erwartest zu bluffen, dann kann er auf Deine Value-Bet folden.

Je stärker Deine Gegner werden, desto schwieriger wird es, sie auszutricksen.

 


So, das war heute mal ein etwas längerer Beitrag zu einem zugegeben kompliziertem Thema. Trotzdem hoffe ich, dass ihr etwas Interessantes daraus mitgenommen habt.

Wenn Euch der Beitrag gefallen hat, dann freue ich mich auch wenn ihr ihn mit Euren Freunden und Bekannten teilt.

Gruß Christian

 

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